„Mit der Analytik auf dem Karriereweg“

Barbara Pohl

Mein Name ist Barbara Pohl und ich bin Leiterin der globalen Qualitätssicherung der Toxikologie und Sicherheitspharmakologie der Firma Merck KGaA in Darmstadt.

Dies ist eine äußerst interessante Position, da ich für die Sicherheit aller Produkte von Merck sowohl im Chemie- als auch im Pharmabereich verantwortlich bin. Zu meinem Aufgabengebiet gehört z. B. die Zusammenstellung von Einreichungsdossiers für die Zulassung neuer Medikamente bei Behörden und die Untersuchungen zur Sicherheit unserer Chemikalien.

Das Thema „Sicherheit von Chemikalien“ umfasst nicht nur den direkten Einfluss auf den Menschen, wie z. B. die Gefahr einer Verätzung durch Laugen oder Säuren, sondern auch alle ökologischen Aspekte. Dazu gehört auch, dass bekannt sein muss, was mit Chemikalien passiert wenn sie in die Umwelt gelangen, z.B. bei der Entsorgung über Kläranlagen.
Dieser Bereich ist besonders wichtig geworden im Hinblick auf die neue europäische REACH (Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals) Verordnung, die am 1. Juni 2007 in Kraft getreten ist: http://www.reach-info.de/

Im Rahmen meiner Aufgaben bin ich u. a. verantwortlich für die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften und Standards in meinen Abteilungen. Hierzu gehören auch der Aufbau und die Pflege von Kontakten zu den nationalen und internationalen Behörden. Auf globaler Ebene betreue ich unsere internationalen Standorte mit, so bin ich zum Beispiel oft in Italien, da Merck dort eine weitere Toxikologie-Abteilung hat. Eine gute Kenntnis sowohl der nationalen als auch der internationalen Gesetze und Vorschriften, als auch der unterschiedlichen Qualitätsmanagementsysteme, ist dabei unerlässlich.

Ein wichtiges Instrument der Qualitätssicherung sind Audits, die ich plane und sowohl intern bei Merck als auch bei unseren externen Partnern durchführe. Auf Basis dieser Auditberichte - zusammen mit wissenschaftlichen Bewertungen - werden oft weitreichende Entscheidungen getroffen, wie z.B. die Vergabe von Aufträgen an externe Laboratorien.

Abbildung 1: Urkilogramm
Eine Sache, die sich alle AuditorInnen und behördlichen InspektorInnen im Labor anschauen, sind die Waagen und die dazugehörige Dokumentation. Aber auch in vielen anderen Bereichen in unserem täglichen Leben werden Waagen regelmäßig überprüft, z.B. in Lebensmittelgeschäften oder bei der Überprüfung der Ladung von LKWs. Hierbei werden immer zertifizierte Gewichte eingesetzt, die je nach Anforderung vom Milligramm- bis in den Tonnen-Bereich gehen. Alle Gewichte werden auf ein Maß zurückgeführt, das Urkilogramm, das im BIPM (Bureau international des poids et mesures) in der Nähe von Paris aufbewahrt wird (Bild 1) http://www.wdr.de/tv/quarks/sendungsbeitraege/2005/1206/002_schwerkraft.jsp

Obwohl ich mich während und nach meinem Studium immer für analytische Problemstellungen interessiert habe, dachte ich nicht daran, einmal in der Qualitätssicherung zu arbeiten. Aber die chemisch-analytischen Kenntnisse, die ich durch mein Studium gewonnen habe, bildeten schließlich eine wichtige Grundlage, dieses Arbeitsfeld zu erlernen und zu vertiefen. Qualitätssicherung ist ein Arbeitsgebiet, das auf jeden Fall immer gebraucht wird und an Bedeutung zunimmt, gerade auch im Hinblick auf ein immer stärker reguliertes Umfeld in der chemisch-pharmazeutischen Industrie.

Inzwischen bin ich eine erfahrene Auditorin und meine Expertise ist sowohl intern als auch extern sehr gefragt. Wichtig ist mir auch, meine Kenntnisse nicht nur intern an junge Kollegen und Kolleginnen weiter zu geben, sondern auch extern, z.B. indem ich Kurse bei der GDCh oder auch Qualitätssicherungskurse für StudentInnen in Kooperation mit der FG Analytische Chemie anbiete, da dieses Gebiet im Studium oft nur wenig zur Sprache kommt. Wer sich also nicht scheut, Dokumente zu lesen, sich durch Gesetzestexte zu arbeiten und sie zu interpretieren und sein Leben auch nicht nur im Forschungslabor verbringen will, sollte sich auch für dieses Arbeitsgebiet interessieren. Die Chancen, einen guten Job in der Industrie zu bekommen, sind jedenfalls recht gut.

Ich habe in Darmstadt - damals noch Technische Hochschule - Chemie studiert und 1985 auf dem Gebiet der Analytik promoviert. Während meiner Doktorarbeit habe ich mich mit der Bestimmung und der Toxizität von Arsen-Verbindungen in der Umwelt beschäftigt. Konkret ging es um eine Differenzierung zwischen As (III)- und As (V)-Verbindungen, die ja eine unterschiedliche Toxizität besitzen. Hierzu habe ich eine analytische Methode entwickelt und diese auf unterschiedliche Proben angewandt, unter anderem Bodenproben oder Luftstaubproben.
Schon bald wurde ich zur Arsen-Spezialistin, und meine Kommilitonen haben mir ein Spitzenhäubchen an meinen Doktorhut gebastelt, in Analogie zu dem bekannten Film „Arsen und Spitzenhäubchen“ (Bild 2). Rückblickend hat mich die Analytik in fast allen meiner verschiedenen Berufsfelder erfolgreich begleitet.

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Abbildung 2: Promotionsfeier und Doktorhut „Arsen und Spitzenhäubchen“
eine erste Stelle war im Marketing bei der Firma Varian in Darmstadt, dort fing ich als „Sales Spezialist und Applikationschemikerin“ für die Elementanalytik an. Meine Aufgabe umfasste, mit Hilfe der Analysegeräten unserer Firma für Kunden maßgeschneiderte Lösungen für ihre analytischen Probleme zu entwickeln.

Sich für die erste Stelle nach dem Studium zu entscheiden, fällt oft am schwersten. Hier kann ich nur ermutigen, ruhig auch mal eine Stelle anzunehmen, die vielleicht noch nicht voll passt. Wichtig ist das Sammeln von Berufserfahrung. Auch ein Einblick ins Marketing lohnt sich, da man dort viel lernen kann, sowohl mit Menschen umzugehen und Kundenorientiertheit als auch das Handwerkszeug des Marketings - mir hatte diese Erfahrung auf meinem Berufsweg sehr geholfen.

Zwei Jahre nach meinem Berufseinstieg bei Varian kam mein Sohn zur Welt. Obwohl noch nicht so üblich, konnte ich eine Halbtagesposition inklusive eines Heimarbeitsplatzes durchsetzen. Das war nicht so einfach, da ich inzwischen eine erfolgreiche Vertriebsmitarbeiterin mit einem großen Aufgabenbereich war. Meine vielen Dienstreisen und internationalen Kontakte waren erst einmal auf Eis gelegt, aber ich konnte diese Zeit nutzen, um viele lokale Kontakte aufzubauen, wie z.B. in der GDCh und in behördlichen Gremien. Außerdem habe ich mich auch intensiv in die Qualitätssicherung eingearbeitet, da das Studium von Dokumenten sich auch gut von zu Hause erledigen lässt.

Die GDCh bietet mir als Fachgesellschaft ein großes Netzwerk zum Austausch neuer Erkenntnisse aus dem akademischen Bereich und der industriellen Anwendung. Ich bin in mehreren Fachgruppen engagiert, war jahrelang im Vorstand der FG Analytische Chemie und bin Mitbegründerin vom AKCC. Außerdem bin ich Mitglied im unabhängigen Expertengremium für Chemikaliensicherheit (EfCS) der GDCh und der Gesellschaft für Toxikologie, das seinen Sitz in der Geschäftsstelle der GDCh hat. Neben vielfältigen Aufgaben dient es als Ansprechpartner zur Bewertung von Chemikalien. Hierzu werden Konzepte und Entscheidungshilfen für die Industrie, Behörden und Politik erarbeitet (Bild 3) https://www.gdch.de/netzwerk-strukturen/expertenpools/expertengremium-chemikaliensicherheit.html

Abbildung 3: Arbeitsschwerpunkte der EfCS

Kinder sind eine Bereicherung im Leben, aber sie bedeuten auch einen großen beruflichen und persönlichen Einschnitt, der wohl überlegt sein will. Mir hat geholfen, dass ich schon zwei Jahre erfolgreich im Beruf tätig war und aus diesem Grund die Firma mir mit meinem persönlichen Arbeitszeitmodell entgegen kam. Trotz allem ist es nicht einfach und man sollte nicht erwarten, dass auf einen Rücksicht genommen wird - hier ist Kraft und Ausdauer gefragt.

Ich wünsche mir, dass mehr junge Männer den Mut hätten, eine Elternteilzeit zu nehmen und Firmen dies unterstützen würden. Das würde uns alle gesellschaftlich ein Stück voran bringen und die Akzeptanz der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gerade auch in der Industrie, sehr erhöhen.

Nach 15 Jahren bei Varian wurde meine Stelle im Rahmen von Umstrukturierungen aufgelöst, so dass ich mich neu orientieren musste. Gestärkt durch meine Expertise habe ich mich als Beraterin im Bereich Qualitätssicherung, Umweltanalytik und Elementspuren-Analytik selbständig gemacht. Hier haben mir auch meine jahrelange Marketingerfahrung und die vielen behördlichen Kontakte, die ich inzwischen aufgebaut hatte, sehr geholfen, auch in diesem Bereich erfolgreich zu sein.

Wenn man sich selbstständig machen will, sollte man ein gutes Konzept (Business Plan) und ganz wichtig, gute Kontakte haben. Deshalb halte ich es für wichtig, zuerst einmal Berufserfahrung und auch Expertise auf einem Gebiet zu sammeln, um darauf basierend eine selbstständige Tätigkeit aufbauen. Übrigens habe ich meine jetzige Stelle meiner Selbstständigkeit zu verdanken, denn einer meiner Kunden war die Firma Merck, die mir meine heutige Position anboten hat.

Zum Schluss möchte ich junge Menschen zum Chemiestudium ermutigen und insbesondere den jungen Frauen ans Herz legen, ein Chemiestudium zu ergreifen und zu Ende zu führen.
Gehen Sie Ihren Weg, leben Sie Ihre Vorstellungen von Beruf und Familie und seien Sie zuversichtlich - Sie werden Erfolg haben.

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Kontakt

Dr. Ing. Barbara Pohl
Tel.: +49 (0)6151 72-7301
Fax: +49 (0)6151 72-7673
E-Mail: barbara.pohl@merckgroup.com

Schlauer Fuchs

Unser Schlauer Fuchs diese Woche ist Verena R. aus Eisenhüttenstadt. Zur Frage:

In welcher Stadt findet man das Urkilogramm?

Schickte sie uns die erste richtige Antwort.
Bitte sehen Sie bis zur Veröffentlichung des nächsten Beitrags mit einer neuen Frage von einer E-Mail-Antwort an schlauerfuchs@gdch.de ab.

  Einsendeschluss: gelöst

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