„Gesundheitliche Belastungen bei der Verarbeitung von Parkettklebstoffen“

Reinhold Rühl und Klaus Kersting

Explosionen und Verpuffungen beim Einsatz stark lösemittelhaltiger Vorstriche sowie Parkett- und Bodenbelagsklebstoffe waren in den 90er Jahren an der Tagesordnung. Anfang der 90er Jahre entwickelten einige Klebstoffhersteller Dispersionsklebstoffe, die vor allem beim Verkleben von Teppichböden die stark lösemittelhaltigen Produkte ersetzen konnten. 1992 wurde die TRGS 610 „Ersatzstoffe und Ersatzverfahren für stark lösemittelhaltige Vorstriche und Klebstoffe für den Bodenbereich“ erarbeitet und seither regelmäßig aktualisiert.

Vertreter des Zentralverbandes Parkett und Fußbodentechnik, des Industrieverbandes Klebstoffe, des Verbandes der Parkettindustrie, der I Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft BG BAU sowie Arbeitsschützer sind 2010 zum Schluss gekommen, dass stark lösemittelhaltige Vorstriche und Klebstoffe für den Bodenbereich grundsätzlich nicht mehr notwendig sind.

1. Einführung

Fast wöchentlich berichteten Anfang der 90er Jahre die Medien über Explosionen bei Boden­belagsarbeiten mit stark lösemittelhaltigen Klebstoffen. Diese Klebstoffe enthalten über 40% Lösemittel, die beim Verarbeiten freigesetzt werden und sich am Arbeitsplatz und in angrenzenden Bereichen verteilen. Da die Konzentration häufig im Explosionsbereich liegt, reichen übliche Zündquellen (nicht ex-geschützte elektrische Anlagen, elektrostatische Aufladungen oder auch die brennende Zigarette) zum Auslösen von Verpuffungen oder Explosionen. Die Folgen sind Gebäudeschäden und nicht selten schwere Verletzungen, auch mit tödlichem Ausgang.

Parkettleger, Hersteller der Klebstoffe und die Berufsgenossenschaften der Bauwirtschaft haben damals den GISCODE geschaffen, durch zahlreiche Messungen die Belastungen der Beschäftigten durch Lösemittel ermittelt und die Technische Regel für Gefahrstoffe TRGS 610 “Ersatzstoffe und Ersatzverfahren für stark lösemittelhaltige Bodenbelagsklebstoffe“ erarbeitet.

2. GISCODE für Bodenbelags und Parkettklebstoffe

Abbildung 1: GISCODE auf Klebstoff-Gebinde
Um nicht jeden Klebstoff einzeln beurteilen zu müssen, wurde der GISCODE für Verlegestoffe geschaffen. Er fasst Klebstoffe verschiedener Hersteller für die gleiche Anwendung mit ähnlichen Gefährdungen zusammen (Tabelle 1, Spalten 1 und 2). Die Hersteller ordnen ihre Klebstoffe anhand der Rezeptur den entsprechenden GISCODE-Gruppen zu und geben den GISCODE auf Gebinden (Abb. 1), in Katalogen und in Sicherheitsdatenblättern an. Zu den GISCODE-Gruppen stehen Informationen über den sicheren Umgang und Entwürfe für Betriebsanweisungen in 15 Sprachen zur Verfügung (www.wingis-online.de).

GISCODEBeschreibung der GISCODE-GruppeLösemittel in der Luft; Vielfaches des Grenzwertes
Dispersionsvorstriche und -klebstoffe
D1lösemittelfrei0,35
D2lösemittelarm, aromatenfrei0,21
D3lösemittelarm, toluolfrei0,53
D4lösemittelarm, toluolhaltig2,8
D5lösemittelhaltig, aromatenfreikeine Messungen
D6ösemittelhaltig, toluolfrei1,6
D7lösemittelhaltig, toluolhaltig2,9
Stark lösemittelhaltige Klebstoffe und Vorstriche
S0,5lösemittelkontrolliert0,88
S1aromaten- und methanolfrei5,2
S2toluol- und methanolfreikeine Messungen
S3aromatenfrei6,9
S4methanolfrei8,7
S5toluolfrei und methanolhaltig13,8
S6toluolhaltig10,1
Silanmodifizierte Klebstoffe und Vorstriche
RS10methoxysilanhaltig0,43
Polyurethan-Klebstoffe/-Vorstriche
RU0,5kennzeichnungs- und lösemittelfrei< Nachweisgrenze
RU1lösemittelfrei< Nachweisgrenze
Tabelle 1: GISCODE und Lösemittelkonzentration bei der Verarbeitung von Klebstoffen

Neben den besonders problematischen stark lösemittelhaltigen S1 - S6-Klebstoffen sind auch die D4 - D7-Klebstoffe nur mit Atemschutz zu verarbeiten, da die Arbeitsplatzgrenzwerte bei ihrem Einsatz deutlich überschritten sind. Ohne Atemschutz können D1-, S0,5-, RU0,5- und RU1- sowie RS10-Klebstoffe verarbeitet werden. D2- und D3-Klebstoffe sind heute nicht mehr im Einsatz. Die Ergebnisse sind detailliert in der Expositionsbeschreibung für Vorstriche und Klebstoffe (www.gisbau.de/service/) veröffentlicht.

3. Gesundheitliche Belastungen für den Parkettleger beim Einsatz von Klebstoffen

4. Alternativen zu stark lösemittelhaltigen Parkettklebstoffen

Abbildung 2: Typische Haltung der Fingerkuppen beim Verlegen von Parkett
Lange waren bei bestimmten Kombinationen von Untergrund, Holzart und vorgesehener Verwendung des Parkettbodens ausschließlich stark lösemittelhaltige Klebstoffe verwendbar. Aufgrund neuer Entwicklungen von Parkettklebstoffen kann auf stark lösemittelhaltige Klebstoffe inzwischen vollständig verzichtet werden.

5. Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen

Die Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge fordert eine arbeitsmedizinische Pflicht­untersuchung beim Umgang mit dem hautresorptiven Methanol, wenn der Arbeitsplatzgrenz­wert nicht eingehalten wird oder eine Gesundheitsgefährdung durch direkten Hautkontakt besteht.

Die hier beschriebenen Messdaten zeigen, dass beim Einsatz der RS10-Klebstoffe der Arbeitsplatzgrenzwert eingehalten wird. Das Biomonitoring belegt, dass keine Belastung der Beschäftigten und somit auch keine Gesundheitsgefährdung besteht. Pflichtuntersuchungen wegen einer Methanol-Exposition sind somit beim Einsatz von RS10-Klebstoffen nicht notwendig.

Bei Tätigkeiten mit Exposition gegenüber Isocyanaten, bei denen ein regelmäßiger Hautkon­takt nicht vermieden werden kann oder eine Luftkonzentration von 0,05mg/m³ überschritten wird, sind Pflichtuntersuchungen notwendig. Bei RU0,5- und RU1-Klebstoffen liegen die Luftkonzentrationen deutlich unter 0,05mg/m³. Allerdings liegt nur unregelmäßig Hautkontakt vor, der zudem sehr kleinflächig. Auch das Biomonitoring belegt, dass hier eine sehr geringe bzw. keine Gefährdung vorliegt. Daher werden bei diesen Arbeiten mit lösemittelfreien Isocyanat-Klebstoffen keine Pflichtuntersuchungen verlangt.

6. Zusammenfassung

Heute werden beim Verlegen von Bodenbelägen fast ausschließlich Dispersionskleber verwendet, die im Fachjargon entsprechend der GISCODE-Gruppe als D1-Kleber bekannt sind. Lösemittelhaltige Klebstoffe spielen keine Rolle mehr.

Für das Verkleben von Parkett empfiehlt die TRGS 610 D1-, RS10-, RU0,5- und RU1-Klebstoffe als Ersatzstoffe für stark lösemittelhaltige Parkettklebstoffe.

S 0,5-Klebstoffe sind stark lösemittelhaltigen Klebstoffen vorzuziehen, stellen jedoch keine Alternative zu D1-, RS10-, RU0,5- oder RU1-Klebstoffe dar.

Mit dieser eindeutigen Positionierung der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft in Verbindung mit den Klebstoffherstellern und den Handwerksverbänden ist in diesem Jahr der Durchbruch gelungen, lösemittelhaltige Bodenbelags- und Parkettklebstoffe zu verbannen.

Schlauer Fuchs

Unser Schlauer Fuchs diese Woche ist Andreas K. aus Darmstadt. Zur Frage:

Wofür steht die Abkürzung TRGS?

Schickte er uns die erste richtige Antwort.
Bitte sehen Sie bis zur Veröffentlichung des nächsten Beitrags mit einer neuen Frage von einer E-Mail-Antwort an schlauerfuchs@gdch.de ab.

  Einsendeschluss: gelöst


Kontakt

Dr. Reinhold Rühl
Leiter Zentralreferat Gefahrstoffe
BG BAU - Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft
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Hungener Straße 6
60389 Frankfurt am Main
Tel.: +49 (0)69 4705-213
Fax: +49 (0)69 4705-299
E-Mail: Reinhold.Ruehl@bgbau.de
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Dr. Klaus Kersting
BG BAU - Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft
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