„Bioraffinerien“

Dietmar Peters

Im Zuge der Klimadebatte und als Reaktion auf unsere starke Abhängigkeit von den nur begrenzt zur Verfügung stehenden fossilen Rohstoffen gewinnen nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energieträger immer mehr an Bedeutung. Nationale und europäische Strategien und Leitlinien fordern daher den Einsatz von kohlenstoffarmen Technologien und die verstärkte Nutzung von erneuerbaren Energien und Rohstoffen.

Biomasse ist erneuerbar und somit im Prinzip unerschöpflich, aber dennoch begrenzt - aufgrund der Begrenztheit an Flächen für deren Anbau und deren Produktion. Auf Grund dessen und in der Konkurrenzsituation von Naturschutz, Nahrungsmittel-, Futtermittel-, Industrie- und Energieproduktion sowie anderen Nutzungszwecken gilt es, die nachwachsenden Rohstoffe für die stoffliche Nutzung in der chemischen Industrie und in anderen Industriezweigen als auch in der energetischen Nutzung so effizient und nachhaltig wie möglich einzusetzen. Bioraffinerien rücken in diesem Zusammenhang in den Fokus, da sie einen integrativen Ansatz verschiedener Prozesse verfolgen, der eine weitestgehend abfallfreie und nachhaltige Verwertung von erneuerbaren Ressourcen gewährleistet. Sie erlauben effizient die simultane Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln, Chemikalien, Werkstoffen und Energieprodukten durch verschiedene Umwandlungsprozesse unter möglichst vollständiger Ausnutzung der Biomasse. Die Verfahrenskette der Bioraffinerie besteht im Wesentlichen aus Komponenten zur Aufbereitung (Konditionierung) der Biomasse, der Primärraffination und nachfolgender sekundärer Konversions- und Verfahrensschritte. Diese Komponenten können dezentral, zentral oder in einem gemischten Konzept angelegt sein. In einer Bioraffinerie sind viele dieser Komponenten zentralisiert an einem Standort bzw. in einem Industriepark zusammengefasst.

Begriffbestimmung und Abgrenzung

Der Begriff Bioraffinerie wird häufig relativ inflationär für jegliche Konzepte, Prozesse und Ansätze im Zusammenhang mit der Nutzung von Biomasse als Rohstoff für die Industrie und als Energieträger genutzt. Der Begriff ist also in aller Munde. Aber was genau ist eine Bioraffinerie? Der Begriff Bioraffinerie ist nicht auf jeden Umwandlungsprozess von Biomasse anwendbar. Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass eine Bioraffinerie sich durch einen integrativen, komplexen Ansatz auszeichnet, der Biomasse als vielfältige Rohstoffquelle für die nachhaltige Erzeugung unterschiedlicher Zwischenprodukte und Produkte (Futtermittel, Chemikalien, Werkstoffe, Bioenergie) verwendet und hiefür die Integration unterschiedlicher Technologien erfolgt. Kernbegriff für die Abgrenzung einer Bioraffinerie von einer einfachen Anlage zur Konversion von Biomasse ist der Begriff der Integration. Für eine Bioraffinerie müssen mehrere der Integrationsseiten (Abb. 1) realisiert sein. So sind eine Ölmühle, eine Fermentationsanlage oder eine Biodieselanlage für sich betrachtet keine Bioraffinerie, aber sie können eine Komponente in einer Bioraffinerie sein.

Rohstoff-seitige Integration
  • Verwertung aller Fraktionen der Ganzpflanze
  • flexibler Rohstoffeinsatz für eine Intermediateplattform
  • Verarbeitung verschiedener Rohstoffe in parallelen (ggf. verknüpften) Prozessen
  • Prozess-seitige Inegration
  • Aufeinanderfolgende Verfahrensschritte entlang der Wertschöpfungskette(n)
  • verknüpfte Produktstammbäume
  • Produkt-seitige Integration
  • gleichzeitige Produktion von Food und Non-Food
  • gleichzeitige Produktion von Werkstoffen/Materialien und Energie
  • gleichzeitige Produktion von verschiedenen Werkstoffen/Materialien
  • gleichzeitige Produktion von verschiedenen Energien
  • Industrie-seitige Integration
  • Einbindung in bestehende Biomasseverarbeitungsstandorte
  • Einbindung in bestehende Chemieparks bzw. Verbundstandorte
  • Einbindung in bestehende Wertschöpfungsketten
  • Abbildung 1: Integrationsebenen, die in Bioraffinerien realisiert sind

    Allerdings fehlt bisher eine international einheitlich akzeptierte und abgestimmte Definition und ein entsprechendes kontrolliertes Vokabular für das Gebiet Bioraffinerien. Jedoch wurden hierzu in den letzten Jahren wichtige Schritte unternommen und Fortschritte erzielt. Im Rahmen der Bioenergie-Aktivitäten der Internationalen Energie Agentur (IEA) wurde im Rahmen der IEA Task 42 ("Biorefineries: Co-production of Fuels, Chemicals, Power and Materials from Biomass")[1] eine Definition des Begriffs Bioraffinerie und ein Klassifizierungsschema erarbeitet und im September 2009 veröffentlicht [2]. Bioraffinerien wurden in der IEA Task 42 folgendermaßen definiert:

    "Bioraffination ist der nachhaltige Umwandlungsprozess von Biomasse in ein Spektrum vermarktbarer Produkte (Nahrung, Futter und Chemikalien) und Energie (Kraftstoff, Strom, Wärme)."[1,2]

    Die Definition fand - aufgrund ihrer allgemeinen und umfassenden Formulierung - die bisher breiteste Akzeptanz. Darüber hinaus wurde auch ein Klassifizierungsschema für Bioraffinerien erarbeitet.

    Klassifizierung

    Es gibt verschiedene Ansätze, unter die Bioraffinerie-Definition fallende Konzepte und Anlagen zu systematisieren. Für die Klassifizierung von Bioraffinerien gab es diesbezüglich bis vor Kurzem kein einheitliches Vorgehen. Je nach Betrachtungsweise wurde bei der Bezeichnung von verschiedenen Bioraffinerie-Typen mehr oder weniger unsystematisch auf unterschiedliche Aspekte fokussiert. Dabei wurden entweder der Rohstoff (bspw. Grüne Biomasse, Stroh, Ganzpflanze) die Intermediate (bspw. Synthesegas, Lignocellulose, Cellulose), der Prozess (bspw. thermochemisch) oder das/die Produkt/e (bspw. Bioethanol, Kraftstoffe) in den Mittelpunkt gestellt. Eine geschlossene Systematik fehlt hier bisher. Im Rahmen der IEA Task 42 wurden erstmals die Grundlagen für ein Klassifizierungssystem für Bioraffinerien mit einer Systematik (Abb. 2) und mit einem kontrollierten Vokabular entwickelt.2 Es handelt sich dabei um eine polyhierarchische Klassifikation.

    RohstoffePrimärraffination Intermediate-PlattformSekundärraffination ProdukteProzesse

    Anbaubiomasse

  • Ölpflanzen
  • Stärkepflanzen
  • Zuckerpflanzen
  • Gräser
  • Holzbiomasse

  • Waldholz
  • Plantagenholz
  • Kurzumtriebsholz
  • holzartige Biomasse
  • Aquatische Biomasse

  • Algenbiomasse
  • marine Biomasse
  • Reststoffe

  • Lignocellulosische Reststoffe (bspw. Stroh, Bagasse)
  • Bioabfall (bspw. Gülle)
  • Sonstige biogene Reststoffe (bspw. Altfette)
  • Feste Intermediate

  • niedermolekulare Kohlenhydrate aus C6- und C5-Zuckern (bspw. Glucose, Xylose, Saccharose, Lactose)
  • polymere Kohlenhydrate (Stärke, Cellulose, Hemicellulosen, Strukturpolysaccharide)
  • Lignin
  • Proteine
  • Pflanzenfasern
  • Flüssige Intermediate

  • Pflanzenöle
  • Pyrolyseöl
  • Presssaf
  • t

    Gasförmige Intermediate

  • Biogas
  • Syngas
  • Materialien

  • Chemikalien
  • Werkstoffe
  • Futtermittel
  • Nahrungsmittel
  • Bioenergieträger

  • feste, flüssige, gasförmige Bioenergieträger
  • Elektrizität
  • Wärme
  • Mechanische und Physikalische Verfahren

    Thermochemische Verfahren

    Chemische Verfahren

    Biochemische Verfahren

    Abbildung 2: Elemente der Klassifizierung von Bioraffinerien (FNR, modifiziert nach IEA Task 42[2])

    Die Systematisierung erfolgt nach vier Kriterien: Rohstoff, Plattform, Produkte und Prozesse. Zentrales Element der Systematik sind der/die Intermediat(e), die in der Primärraffination entstehen und als Plattform der Bioraffinerie fungieren. Dieser Plattform werden die Rohstoffe und Produkte zugeordnet. Verbindendes Element sind die Prozesse. Die Untergruppen der vier Hauptkriterien sind derzeit noch in der Diskussion. Bei dieser Klassifizierung von Bioraffinerieanlagen werden die Plattform und der Rohstoff berücksichtigt und im Namen verankert, ggf. auch noch die Hauptprodukte genannt. Zwei Beispiele sind in Abb. 3 dargestellt. Diese beiden Bioraffinerie-Konzepte werden auch in Deutschland verfolgt.

    Abbildung 3: Beispiele für die Klassifizierung von Bioraffinerien (nach IEA Task 42[2]): Synthesegas-Bioraffinerie auf Basis von Stroh für Biokraftstoffe (rechts) und Lignocellulose-Bioraffinerie auf Basis von Holz für Chemikalien und Werkstoffe (links).

    Das Konzept der Synthesegas-Bioraffinerie wird durch das Karlsruhe Institute of Technology (KIT) auf Basis von Stroh (bioliq®-Prozess)[3] bzw. durch die Firma Choren auf Basis von Holz/Kurzumtriebsholz (Carbo-V®-Verfahren)[4] für die Herstellung von Kraftstoffen (sog. BtL-Kraftstoffe) verfolgt. Das KIT betreibt seit 2006 (1. Ausbaustufe) und 2009 (2. Ausbaustufe im Bau) eine mit Fördermittel des BMELV und des Landes Baden-Württemberg errichtete Pilotanlage (500 kg/h) in Karlsruhe (Baden-Württemberg). Choren betreibt seit 2003 eine privat-finanzierte Demonstrationsanlage (15.000 t/a) in Freiberg (Sachsen), die auf einer mit Fördermitteln des BMWi 1998 errichteten Pilotanlage beruht.

    Das Konzept der Lignocellulose-Bioraffinerie auf Basis von Holz wird zur Herstellung von Chemikalien und Werkstoffen von einem Konsortium aus akademischen und industriellen Partnern unter Koordination der Dechema untersucht. Mit Fördermitteln des BMELV wird ab 2010 eine Pilotanlage entwickelt und in Leuna (Sachsen-Anhalt) unter Federführung der Fraunhofer-Gesellschaft errichtet.

    Bioraffinerie versus petrochemische Raffinerie

    Ein Vergleich zwischen der Bioraffinerie und der petrochemischen Raffinerie zeigt nur auf den ersten Blick Ähnlichkeiten. Auf den zweiten Blick erkennt man, dass es zwar übergeordnete Gemeinsamkeiten gibt, jedoch die Anzahl signifikanter Unterschiede überwiegt. Beiden Raffinerien sind das Prinzip der Komponententrennung, das Prinzip der Primär- und Sekundärraffination sowie ein breites Spektrum an Produkten in Form von Produktstammbäumen gemeinsam. Die Unterschiede ergeben sich aus

    Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede verdeutlicht Abb. 4.1 und 4.2., wobei bei einer Bioraffinerie mit der Plattform Synthesegas bzw. Biogas (Abb. 4.2 ) mehr Gemeinsamkeiten bestehen als bei einer Bioraffinerie mit der Plattform feste bzw. flüssige Intermediate (Abb. 4.2.).

     Bioraffinerie
    (Plattform: feste bzw. flüssige Intermediate)a
    Petrochemische Raffinerie
    Rohstoffe
  • Biomasse: sehr komplexes Gemisch aus organischen Verbindungen
  • Kohlenstoff und Heteroatome (arm an Wasserstoff, reich an Sauerstoff)
  • enthält anorganische Verbindungen
  • wasserhaltig
  • Erdöl, Erdgas: Gemisch aus Kohlenwasserstoffen
  • Kohlenstoff und Wasserstoff (kaum Heteroatome, sauerstoffarm)
  • enthält kaum anorganische Verbindungen
  • wasserfrei
  • Primärraffination
  • Mechanischer, chemischer und biochemischer Aufschluss zu komplexen Molekülen
  • Thermische und thermo-katalytische Spaltung zu einfachen Molekülen
  • Sekundärraffination
  • Umwandlung und Abbau komplexer Moleküle (Top-down-Prinzip)
  • Nutzung der Synthesevorleistung
  • Aufbau komplexer Moleküle aus einfachen Vorstufen (Bottom-up-Prinzip)
  • Prozesse
  • Thermochemische und chemo-katalytische Verfahren
  • biotechnologische Verfahren
  • Thermochemische, thermo-katalytische und chemo-katalytische Verfahren
  • Produktklassen
  • Chemikalien und Werkstoffe
  • Brenn- und Kraftstoffe
  • Nahrungs- und Futtermittel
  • Chemikalien und Werkstoffe
  • Brenn- und Kraftstoffe
  • Abbildung 4.1: Vergleich von Bioraffinerie (Plattform: feste bzw. flüssige Intermediate) und petrochemischer Raffinerie
    a) Beispiele: Plattform Stärke, Plattform Rapsöl/Rapsextrakionsschrott, Plattform Lignocellulose (Cellulose, Hemicellulosen, Lignin)

     Bioraffinerie
    (Plattform: gasförmige Intermediate)b
    Petrochemische Raffinerie
    Rohstoffe
  • Biomasse: sehr komplexes Gemisch aus organischen Verbindungen
  • Kohlenstoff und Heteroatome (arm an Wasserstoff, reich an Sauerstoff)
  • enthält anorganische Verbindungen
  • wasserhaltig
  • Erdöl, Erdgas: Gemisch aus Kohlenwasserstoffen
  • Kohlenstoff und Wasserstoff (kaum Heteroatome, sauerstoffarm
  • enthält kaum anorganische Verbindungen
  • wasserfrei
  • Primärraffination
  • Thermische und thermo-katalytische (Syngas) bzw. biochemische (Biogas) Spaltung zu einfachen Molekülen
  • Thermische und thermo-katalytische Spaltung zu einfachen Molekülen
  • Sekundärraffination
  • Aufbau komplexer Moleküle aus einfachen Vorstufen (Bottom-up-Prinzip)
  • Prozesse
  • Thermochemische, thermo-katalytische und chemo-katalytische Verfahren
  • Produktklassen
  • Chemikalien und Werkstoffe
  • Brenn- und Kraftstoffe
  • Addildung 4.2: Vergleich von Bioraffinerie (Plattform: gasförmige Intermediate) und petrochemischer Raffinerie

    Entwicklungsansätze

    Eine weitere Frage, die sich stellt: Wie wird eine Bioraffinerie entwickelt? Hier werden im Prinzip zwei grundlegende Ansätze verfolgt: Bottom-up und Top-down.

    Handelt es sich um die Erweiterung einer bereits vorhandenen Biomasseverarbeitungsanlage (bspw. Zucker-, Stärke-, Zellstoffwerk, Ölmühle, Ethanolanlage) spricht man vom Bottom-up-Ansatz. Ziel ist es in dem Fall, durch Anknüpfung zusätzlicher Prozesse und Technologien eine erweiterte Produktpalette und/oder eine Ausweitung der einsetzbaren Biomassefraktionen zu erreichen. Ein Beispiel für eine entsprechende Anlage ist die Stärke-Bioraffinerie basierend auf Getreide von Roquette in Lestrem (Frankreich). Ursprünglich handelte es sich bei der Anlage um eine einfache Stärkefabrik, die später um eine Mais- und Weizenstärkeproduktion ergänzt wurde. Es folgte ein sukzessive Erweiterung des Produktspektrums (Stärkederivate und Stärkemodifikate, Chemikalien, Fermentationsprodukte).

    Im Gegenzug spricht man vom Top-down-Ansatz, wenn es sich um neukonzipierte, hoch integrative Anlagen handelt, die für die Nutzung verschiedenster Biomassefraktionen und zur (abfallfreien) Erzeugung einer Vielfalt von Produkten für unterschiedliche Märkte ausgelegt sind. Beispielhaft für diesen Ansatz sind die eingangs beschriebenen Bioraffinerie-Pilot- und -Demoanlagen in Deutschland, die nicht an bestehende Prozesse anknüpfen, sondern eigens für diesen Prozess und die Erzeugung unterschiedlicher Endprodukte errichtet wurden.

    Abbildung 5: Entwicklungsansätze von Bioraffinerien (weiß: "klassische" Produkte, orange: neue Produkte)

    Forschung und Entwicklung

    Wie ist der Entwicklungsstand von Bioraffineriekonzepten? Die Umsetzung von Bioraffinerie-Konzepten wurde nur für Bottom-up-Ansätze im industriellen Maßstab realisiert, wenn auch erst in wenigen Anlagenkomplexen. Beispiele sind die Stärke-Bioraffinerie auf Basis Getreide der Firma Roquette in Lestrem (Frankreich), die Lignocellulose-Bioraffinerie auf Basis Holz der Firma Lenzing in Lenzing (Österreich) und die Stärke-Bioraffinerie auf Basis Mais der Firma ADM in Decatur, Illinois (USA). Aber auch hier gibt es noch viel Forschungsbedarf. Bioraffinerie-Konzepte nach dem Top-down-Ansatz wurden noch nicht vollständig umgesetzt und befinden sich allesamt noch im Stadium von Forschung, Entwicklung und Demonstration. Erste Pilotanlagen wurden und werden in Europa und den USA errichtet.

    In Deutschland werden Bioraffineriekonzepte in folgenden Aktivitäten untersucht und entwickelt, die sich in verschiedenen Realisierungsstadien befinden:

    Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von deutschen Forschungsprojekten, die sich mit einzelnen oder mehreren Aspekten oder potentiellen Komponenten des Themas Bioraffinerie beschäftigen, aber nicht vollständig ein dediziertes, integriertes Bioraffinerie-Gesamtkonzept verfolgen. Am Chemiestandort Leuna (Sachsen-Anhalt) entsteht darüber hinaus gerade ein von der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG) beriebenes Chemisch-Biotechnologisches Zentrum für Prozessentwicklung (CBP), dass nach seiner Fertigstellung 2010/11 ein Bioraffinerie-Entwicklungszentrum sein wird, das eine Verbindung zwischen Forschung und Industrie herstellen soll und für ambitionierte Projekte den geeigneten Rahmen bietet. Das CBP Leuna wird durch den Bund (BMELV, BMBF, BMU), das Land Sachsen-Anhalt und die FhG finanziert.

    Die Weiterentwicklung der biobasierten Wirtschaft und insbesondere der Bioraffinerieprozesse wird nicht nur auf nationaler, sondern auch auf europäischer Ebene vorangetrieben. Während im 6. EU-Forschungsrahmenprogramm (FP6) das Thema Bioraffinerie kaum eine Rolle spielte, werden im aktuellen 7. EU-Forschungsrahmenprogramm (FP7) erstmals dedizierte, integrierte Bioraffinerie-Konzepte umfassend mit einem Gesamtvolumen von knapp 72 Millionen € gefördert[10] (Abb. 6).

    Abbildung 6: EU-geförderte FuE-Projekte unter FP7 und FP6 zu dedizierten, integrierten Bioraffinerie-Konzepten

    Die Inhalte der Projekte sind sehr unterschiedlich und umfassen meistens die Entwicklung neuer Bioraffinerieprozesse und Produkte, die Optimierung und den Ausbau bestehender Prozesse und die Demonstration von Forschungsergebnissen im industriellen Maßstab. Darüber hinaus wurde mit "Star-COLIBRI - Strategic Targets for 2020 - Collaboration Initiative on Biorefineries" auch ein umfangreiches Projekt im Bereich "Forschungskoordination" gefördert. Das Ziel von Star-COLIBRI ist, die Zusammenarbeit zwischen sich ergänzenden Forschungsprojekten auf europäischer Ebene anzuregen, um den Fortschritt auf diesem Gebiet voranzutreiben und der Fragmentierung von Forschungsaktivitäten und ergebnissen entgegenzuwirken. Im Verlauf dieses Projektes sollen zudem eine Bioraffinerie Forschungsagenda 2020 und ein Vision 2030 Dokument angefertigt werden, die der europäischen Entwicklung des Bioraffineriebereiches einen Rahmen geben sollen. Aus Deutschland sind bei Star-COLIBRI die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR), das Deutsche Biomasse-Forschungszentrum (DBFZ) und die Technische Universität Dresden engagiert.

    Ausblick

    Bei den vielfältigen positiven Diskussionen - manchmal schon Euphorie - zu Bioraffinerien, muss auch klar betont werden, dass der Weg bis zu einer Realisierung von Bioraffinerien im Industriemaßstab - insbesondere nach dem Top-Down-Ansatz konzipierte Anlagen - noch lang ist. Der Geschäftsführer der DECHEMA sagte diesbezüglich: "So rasch, wie man es sich erhoffen würde, funktioniert die Umsetzung von vorhandenen Grundlagenerkenntnissen zu einem in kleinem Maßstab realisierten Konzept über eine Pilotanlage bis hin zu einer Großproduktion im mehr als 100.000 Tonnen-Maßstab nicht. Das Zeitfenster vom Konzept bis zur Umsetzung ist sicher größer als fünf bis zehn Jahre."[11]

    Darüber hinaus muss auch deutlich gesagt werden, dass Bioraffinerien nur eine Variante der Konversion von Biomasse sind, die die vorhandenen Ansätze ergänzt und nicht ersetzt! "Klassische" und andere neue innovative Ansätze der Konversion von Biomasse werden auch weiterhin ihre Bedeutung behalten und sogar parallel noch verstärkt in den Fokus von Forschung und Entwicklung rücken.

    Schlauer Fuchs

    Unser Schlauer Fuchs diese Woche ist Christine R. aus Karlsruhe. Zur Frage:

    Wo wird in diesem Jahr eine Pilotanlage einer Bioraffinerie auf Basis von Holz errichtet?

    Schickte sie uns die erste richtige Antwort.
    Bitte sehen Sie bis zur Veröffentlichung des nächsten Beitrags mit einer neuen Frage von einer E-Mail-Antwort an schlauerfuchs@gdch.de ab.


    Kontakt

    Dr. Dietmar Peters
    Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR)
    Hofplatz 1
    18276 Gülzow
    Tel.: +49 (0)3843 6930-109
    Fax: +49 (0)3843 6930-102
    E-Mail: dpeters@fnr.de

    Literaturhinweise

    [1] IEA Bioenergy Task 42 "Biorefineries: Co-production of Fuels, Chemicals, Power and Materials from Biomass", http://www.ieabioenergy.com/Task.aspx?id=42
    [2] F. Cherubini, G. Jungmeier, M. Wellisch, T. Willke, I.Skiadas, R. Van Ree, E. de Jong "Toward a common classification approach for biorefinery systems", Biofpr 3 (2009) 534 -546
    [3] http://iwrwww1.fzk.de/bioliq/
    [4] http://www.choren.com/de/choren_industries/
    [5] "Pilotprojekt Lignocellulose-Bioraffinerie" unter http://www.fnr-server.de/ftp/pdf/berichte/22027405.pdf und http://www.netzwerk-lebenszyklusdaten.de/cms/webdav/site/lca/shared/Veranstaltungen/2006LcaWerkstatt/ArbeitsgruppeA/A6-Uihlein.pdf
    [6] http://www.sud-chemie.com/scmcms/web/page_de_7440.htm und "Biofuels 2021: Innovative Biokraftstoffe aus der Bioraffinerie der Zukunft" unter http://foerderportal.bund.de/foekat/jsp/SucheAction.do?actionMode=view&fkz=0315419A
    [7] http://www.cropenergies.com/de/Home/ und "Bioraffinerie2021: Energie aus Biomasse - Neue Wege zur integrierten Bioraffinerie" unter http://bioraffinerie2021.de/
    [8] http://www.biowert.de/
    [9] B.Kamm, P. Schönicke, M. Kamm, "Biorefining of Green Biomass - Technical and Energetic Considerations", Clean, 37 (1) (2009) 27-30 und "Pilotvorhaben Grüne Bioraffinerie: Demonstrationsvorhaben im Havelland, Selbelang-Teltow" unter http://www.biopos.de/Pilotvorhaben%20Gr%FCne%20Bioraffinerie.doc
    [10] http://cordis.europa.eu/search/index.cfm
    [11] Interview mit Dr. Kurt Wagemann (DECHEMA), "Bioraffinerien - keine Spielwiese für Utopisten", http://www.process.vogel.de/anlagen_apparatebau/engineering_dienstleistung/bioanlagen/articles/256058/index4.html