„Lebensmittelbestrahlung: noch ein Thema?“

Rainer Brockmann und Dieter Erning

So viel vorweg:

Die Bestrahlung von Lebensmitteln für den deutschen Markt spielt praktisch keine Rolle. Dies geben die Betreiber von zugelassenen Bestrahlungsanlagen selbst an. Die Akzeptanz dieses Verfahrens ist beim Verbraucher einfach zu gering, zumal man Lebensmitteln nicht ansehen kann, ob sie bestrahlt sind. Das gilt allerdings für andere Konservierungsmethoden auch.
Aus den Jahresberichten der amtlichen Untersuchungseinrichtungen geht hervor, dass kaum bestrahlte Lebensmittel im Handel sind; davon wiederum ist nur ein geringer Prozentsatz nicht kenntlich gemacht.
Dennoch sind die wenigen Bestrahlungsanlagen gut ausgelastet. Sie behandeln vor allem Medizinalartikel, wie z.B. künstliche Herzklappen und Gelenke, Verbrauchsgegenstände für medizinische und mikrobiologische Laboratorien, Bauteile für sterile Behälter empfindlicher Lebensmittel (Sprühsahneflaschen), Kunststoffe für besondere Anforderungen, Leitungen für Fußbodenheizungen, Rohre für Gas-Pipelines, Elektrokabel u.v.a. mehr. Aber das ist ein ganz anderes Thema.

Gleichwohl:

Die Behandlung von Lebensmitteln mit ionisierenden Strahlen wird derzeit in ca. 40 Ländern weltweit, u.a. auch in der EU, zum Zwecke der Konservierung von Lebensmitteln und der Verringerung von lebensmittelbedingten Infektionen angewendet. Hinzu kommt die Insektenbekämpfung zur Eindämmung von Lagerungsverlusten.

Eingesetzte Strahlenarten: Teilchenstrahlen (energiereiche Teilchen) Photonenstrahlen (elektromagnetische Wellen, energiereiches, sehr kurzwelliges Licht)

Beide Strahlenarten haben ein ähnliches Wirkungsmuster; sie lösen im bestrahlten Gut die Bildung von Sekundärelektronen und elektrisch geladenen Teilchen (Ionen) aus. Man nennt sie deshalb ionisierende Strahlen.

Strahlenquellen:

Radioaktive Isotope (Radionuklide):

Maschinen, die nur im Betriebszustand eine Strahlenquelle sind:

Die Beschränkung auf 10 MeV bzw. 5 MeV erfolgte, um bei der Behandlung von Lebensmitteln mit Sicherheit den Eintritt von Kernreaktionen und eine Induktion von Radioaktivität auszuschalten.

Ein paar Definitionen in Kürze:

Energie der Strahlung:

Dosis (Maß für die vom Gut absorbierte Strahlenenergie) Dosisleistung: (Maßeinheit für die Leistung einer Anlage)

Die Dosisleistung einer Elektronenanlage ist bei geringerer Eindringtiefe erheblich höher als die einer Gammaanlage. Was die Elektronenanlage in wenigen Sekunden schafft, hat die Gammaanlage erst in mehreren Stunden erledigt.

Zweck der Bestrahlung und Wirkungsbereiche:

Niedrige Dosis (bis 1 kGy):

Mittlere Dosis (1-10 kGy) Hohe Dosis (über 10 kGy)

Toxikologische Sicherheit bestrahlter Lebensmittel

Bereits 1980 stellte das international besetzte gemeinsame Expertenkomitee JECFI der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Welternährungsorganisation (FAO) und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nach jahrzehntelanger Forschung auf diesem Gebiet fest, dass die ionisierende Bestrahlung von Lebensmitteln bis zu einer "mittleren absorbierten Maximaldosis" von 10 kGy

Diese Feststellung wurde in den folgenden Jahren von zahlreichen Expertenkommissionen bestätigt, zuletzt 2003 durch die Codex Alimentarius Kommission.

Lebensmittelbestrahlung - ein sich selbst kontrollierendes Verfahren durch: Wo ist und wie ist eine Bestrahlung in der Europäischen Gemeinschaft zugelassen?

Seit dem 21.12.2000 ist die Bestrahlung von getrockneten aromatischen Kräutern und Gewürzen in der gesamten EU, also auch in Deutschland, bis zu einer Gesamtdosis von 10 kGy erlaubt. Damit wurden die EG-Richtlinien 1999/2 und 3 in nationales Recht umgesetzt.

Als Strahlenquellen sind zugelassen:

Bestrahlungszeichen
Neben der Bestrahlung darf keine zusätzliche chemische Behandlung erfolgen, die dem gleichen Zwecke dient.
Die Bestrahlung ist kenntlich zu machen durch die Angabe "bestrahlt" oder "mit ionisierenden Strahlen behandelt". Es darf auch das gezeigte Logo (in Grün) verwendet werden; das eine stilisierte Blume darstellt. Vorgeschrieben ist es aber nicht.

In den einzelnen EU-Ländern existieren sehr unterschiedliche Regelungen zum Thema Lebensmittelbestrahlung. Diese wurden in einem Verzeichnis der in den Mitgliedsstaaten zur Behandlung mit ionisierenden Strahlen zugelassenen Lebensmittel und Lebensmittelzutaten im Amtsblatt 2006/C 112/05 veröffentlicht, das hier aus Platzgründen nicht gezeigt werden kann. Je nach Mitgliedsstaat dürfen - in toto betrachtet - folgende Lebensmittel und Lebensmittelzutaten, mit definierten Höchstdosen bestrahlt werden:

Diese Zulassungen bedeuten aber nicht, dass diese Lebensmittel wirklich alle bestrahlt werden. In Deutschland gilt nur die Zulassung einer Bestrahlung für Gewürze und Trockenkräuter. Andere Lebensmittel dürfen weder bestrahlt noch als bestrahlte Ware importiert werden.

Kontrolle und Nachweis bestrahlter Lebensmittel

Möglichkeiten der Kontrolle

AnalysenmethodeLebensmittelgruppe
Elektronen-Spin-Resonanz-Spektrometrie (ESR-Spektrometrie)knochenhaltiges Fleisch, grätenhaltiger Fisch, Krustentiere mit Schalen(teilen), Nüsse mit Schalen, verschiedene Gewürze (z.B. Paprika, Piment, Pfeffer), Erdbeeren, Früchte mit Kernen oder Steinen, cellulosehaltige Verpackungen als Indiz für die darin verpackten Lebensmittel
Gaschromatographie mit massenspektrometrischer Detektion
  • Kohlenwasserstoffe
  • Alkylcyclobutanone
alle fetthaltigen Lebensmittel
Thermolumineszenz nach Isolierung anhaftender mineralischer Verunreinigungengetrocknete Gewürze und Kräuter, pflanzliche Lebensmittel mit anhaftenden mineralischen Verunreinigungen, Garnelen etc. mit sandhaltigen Innereien (Darm)
Photonenstimulierte Lumineszenz
  • Ganzprobenmessung
getrocknete Gewürze und Kräuter, alle Lebensmittel mit mineralischen Verunreinigungen
Tabelle 1: In die Lebensmittelüberwachung eingeführte Analysenmethoden

Abbildung 1: ESR-Spektrometrie zum Bestrahlungsnachweis

Abbildung 2: ESR-Spektrum von o.) bestrahlten, u.) unbestrahlten Hähnchenknochen.

Die oben genannten Analysenverfahren sind Bestandteil der "Amtlichen Sammlung von Untersuchungsverfahren nach §64 des Lebensmittel- Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuchs (LFGB).

Mit den vorhandenen Nachweismethoden ist die amtliche Überwachung heute in der Lage, den Verkehr mit Lebensmitteln routinemäßig hinsichtlich einer Behandlung mit ionisierenden Strahlen zu kontrollieren.

Schlauer Fuchs

Unser schlauer Fuchs diese Woche ist Matthias M. aus Lübeck. Zur Frage:

Welche Lebensmittel dürfen in Deutschland bestrahlt werden?

Schickte er uns die erste richtige Antwort.
Bitte sehen Sie bis zur Veröffentlichung des nächsten Beitrags mit einer neuen Frage von einer E-Mail-Antwort an schlauerfuchs@gdch.de ab.


Kontakt

Dr. Rainer Brockmann
Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Ostwestfalen-Lippe
Postfach 2754
32717 Detmold
 
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Kontakt

Dieter Erning
Stadt Hamm, Der Oberbürgermeister
Chemisches Untersuchungsamt
Sachsenweg 6
59073 Hamm
Tel.: +49 (0)2381 178570
Fax: +49 (0)2381 172253
E-Mail: erning@stadt.hamm.de
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