„Chemie im Land der Paschtunen“

Herbert Hugl

Kohat University of Science and Technology: Detailkarte Quelle: Google Maps
Nach 35 Jahren als Chemiker in der Industrie habe ich mich am Beginn meines Ruhestandes bei Senior Experten Service, einer gemeinnützigen Einrichtung der deutschen Industrie, für Einsätze in Entwicklungsländern gemeldet. Da ich seit einigen Jahren auch einen Lehrauftrag an der RWTH - Aachen habe, kann ich auch Universitäten bei der Ausbildung von Studenten unterstützen.

Mein erstes Entwicklungshilfeprojekt führte mich an das International Center for Chemical Sciences nach Karachi, mein zweites - über das ich im Folgenden berichten möchte - an die University of Science and Technology in Kohat im Nordwesten Pakistans (http://www.kust.edu.pk). Diese Universität wurde erst 2001 gegründet und soll mithelfen, mehr jungen Menschen aus den Stammesgebieten der Paschtunen eine bessere Bildung und damit die Möglichkeit zur Teilnahme an der wirtschaftlichen Entwicklung Pakistans zu geben.

Kohat ist eine Garnisonstadt des pakistanischen Militärs nahe der Grenze zu Afghanistan, eine Autostunde südlich von Peshawar (weitere Informationen). Die Stadt ist umgeben von politisch autonomen Siedlungsgebieten verschiedener Stämme der Paschtunen. Es ist leichter für Studenten aus den umliegenden Hochtälern in die nahe Kleinstadt Kohat als in die mit etwa 3 Millionen Einwohnern schon sehr große Provinzhauptstadt Peshawar zu kommen, wo es schon seit langem mehrere Universitäten gibt.

Zum Zeitpunkt meines Besuches im November und Dezember 2006 waren an der Universität Kohat viele neue Gebäude im Bau. Die Zahl der Studenten wächst schnell und die räumliche Situation ist noch sehr beengt. Im Fach Chemie werden zur Zeit 80 bis 90 Studenten pro Jahrgang aufgenommen. Nach vier Jahren Studium können sie Master of Science werden. Danach ist es möglich durch eine Forschungsarbeit - ähnlich unserer Diplomarbeit - den Grad eines MPhil. zu erwerben. Doktorarbeiten gab es zur Zeit meines Besuches noch nicht; die Promotionsmöglichkeit ist aber geplant.

Mein Einsatzauftrag an der KUST, der Kohat University of Science and Technology, war:

Abbildungen 1 und 2: Die Seminare wurden im Labor der Diplomanden abgehalten.

Um möglichst viele der fortgeschrittenen Studenten und der Lektoren zu erreichen, hielt ich täglich ein Seminar über Methoden und Verfahren der Organischen Chemie ab. Es kamen regelmäßig etwa 30 - 40 Hörer, davon etwa ein Drittel Frauen. Die Studenten lernen in ihrer Grundausbildung aus dicken Büchern eine Fülle von - oft nur noch historisch interessanten - Reaktionen, kennen aber nicht die Kriterien, nach denen man Reaktionen für die industrielle Praxis auswählen sollte. Die sehr preisgünstigen Lehrbücher kommen zumeist von indischen oder pakistanischen Verlagen und sind didaktisch leider auf einem sehr veralteten Stand. Anschauliche Darstellungen findet man nur selten.

Themen meiner Seminare waren deshalb insbesondere:

Da es in Pakistan noch keine flächendeckende Infrastruktur auf Basis von Raffinerieprodukten aus Erdöl gibt, besteht die Möglichkeit, Pflanzen und landwirtschaftliche Abfälle, die nicht für die Nahrungsmittelproduktion benötigt werden, als Rohstoffe für Chemieprodukte zu verwenden. Die dafür notwendigen Investitionen wären vergleichsweise gering. Dabei denke ich an die "Grüne Bioraffinerie", in der zuerst Wertstoffe aus der Pflanze extrahiert werden und danach der Extraktionsrückstand für die Erzeugung von Biogas genutzt wird sowie an Verfahren zur Verarbeitung von Biomasse zu Treibstoffen oder Chemierohstoffen über Pyrolyse und Vergasung.

Einen sehr breiten Raum hat die Diskussion des Themas Sicherheit im Labor und bei chemischen Produktionen eingenommen. Sichere Chemiearbeit stand davor noch überhaupt nicht auf dem Lehrplan. Mit den Lehrkräften konnte ich die Ausstattung der im Bau befindlichen Labore mit Abzügen, Ventilation, Feuerlöschern und Löschdecken sowie die Ausgabe von Schutzbrillen und Arbeitsmänteln an die Studenten besprechen. Größere Mengen an Lösemittel sollten nicht mehr im Labor gelagert werden.

Abbildung 3: Moderne Geräte in einem provisorischen Labor

Am Ende des Seminars wurde eine schriftliche Prüfung abgehalten. Allen Hörern habe ich gemeinsam mit der Universität die erfolgreiche Teilnahme mit einem Zertifikat bestätigt. Sie versprechen sich davon bessere Chancen bei Bewerbungen, insbesondere bei den aufstrebenden Unternehmen der chemischen und pharmazeutischen Industrie Pakistans. Sehr attraktiv sind zur Zeit auch Stellen an Hochschulen und staatlichen Forschungseinrichtungen. Da die Hochschulen landesweit ausgebaut werden, gibt es viele zusätzliche Stellen.

Gemeinsam mit einigen Lehrern und Studenten konnte ich auch Qarshi Industries Ltd., eine führende Firma auf dem Gebiet pflanzlicher Arzneimittel, besuchen. Dort sahen die Studenten gut eingerichtete Labore und selbstverständlich bekam jeder Besucher einen Laborkittel und eine Schutzbrille. Auch die Produktionsverfahren - zu sehen waren Extraktionen, Destillationen und Abfüllungen - wurden nach strengen Qualitätsnormen durchgeführt.

Ich wurde auch zu einem Vortrag an die NWFP University of Engineering and Technology nach Peshawar eingeladen. Bei einem sehr interessanten Gespräch mit den Vice Chancellor (Präsidenten) und einigen Professoren der Universität haben wir Forschungsprojekte auf den Gebieten nachwachsender Rohstoffe und des Recyclings von Wertstoffen in Dörfern und Kleinstädten besprochen. Sehr interessiert ist man an Biogasanlagen zur Abfallverwertung in Dörfern und an Verfahren zum Recycling von Kunststoffen und Metallen. Die Provinzverwaltung und die Universität haben großes Interesse daran, könnten aber sicher fachliche Unterstützung aus Deutschland gut gebrauchen.

Durch meine Seminare und viele Einzelgespräche an der Universität von Kohat konnte ich den Wissensstand der Lehrer und Studenten über zeitgemäße chemische Methoden, Nachhaltigkeit und sicheres Arbeiten in Labor und Betrieb wesentlich verbessern. Darüber hinaus konnte ich in vielen Gesprächen Einblick in europäisches Denken und die europäische Lebensweise geben. Ich wiederum habe viel über die Kultur der Paschtunen, die Praxis des Islam und das Leben der Menschen in einer immer noch recht abgelegenen Region gelernt.


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