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„Die strukturchemische Charakterisierung von komplexen Mischungen im Beispiel natürlicher organischer Materie (NOM)“Arbeitsgruppe des Autors

Norbert Hertkorn, Philippe Schmitt-Kopplin und Antonius Kettrup

Bedeutung von NOM und HS in der Bio- und Geosphäre

Natürliche organische Materie (NOM) ist ein in terrestrischen, linmnischen und marinen Ökosystemen vorkommendes, operationell hinsichtlich seiner Funktion und nicht primär hinsichtlich seiner Struktur definiertes, hochkomplexes Gemisch aus organischen und (einigen) anorganischen Bestandteilen. NOM wird durch (bio)chemische Zersetzung von pflanzlichen und tierischen Überresten, durch mikrobielle Nutzung von Naturstoffen und Biopolymeren, sowie durch abiotische Reaktionen gebildet. Auf globaler Ebene übersteigt die Menge refraktären organischen Kohlenstoffs in Form von NOM (3 • 1015g) jene sämtlicher industriell hergestellter organischer Verbindungen um mehrere Größenordnungen und jene der Vorläufer-Biomoleküle sehr deutlich.

Abbildung 1: Die Bildung von NOM auf der Erde ging der Evolution des Lebens voran; danach erfolgte eine Koevolution von NOM, prebiotischen Molekülen, primitiven und höheren Lebensformen. Die ökologische Funktion von NOM besteht in der Abpufferung von Extremzuständen in der Bio- und Geosphäre und in der Bereitstellung von Molekülen für lebende Organismen.

Nach derzeitigem Kenntnisstand erfolgte in der Erdgeschichte die Entwicklung des Lebens aus prebiotischen organischen Molekülen (Abb. 1). Während NOM auf der Erde schon zu frühester Zeit aufgetreten war (interessant in diesem Zusammenhang ist die Landung der Raumsonde Huygens auf dem Saturnmond Titan, der eine Atmosphäre und komplexe organische Verbindungen aufweist, die jener der Urerde ähneln) haben sich primitive und höhere Lebensformen später gemeinsam mit NOM entwickelt - die Zusammensetzung von NOM, da aus abiotischen und biotischen Reaktionen gebildet, folgt in Koevolution jener der belebten Welt. Aufgrund des breiten Spektrums an Reaktivitäten bewirkt NOM/HS eine Abpufferung potentiell lebensfeindlicher Extremzustände in der Öko- und Geosphäre.
Die Aufklärung von Herkunft, Reaktivität und Schicksal dieser ubiquitären Materialien ist auf eine leistungsfähige chemische Analytik angewiesen; bis heute wird die vielfältige, aus einer (stereo)chemischen Strukturanalyse verfügbare geochemische Information nur unzureichend verstanden. NOM spielt eine kaum zu überschätzende Rolle in der Natur als wesentlicher Bestandteil des globalen Kreislaufes an Kohlenstoff und anderen Elementen (z. N, P, S, B). NOM definiert im wesentlichen die Bindungsform und Bioverfügbarkeit von toxischen und Nährstoff-Metallen und von organischen Verbindungen anthropogenen Ursprunges, spielt wesentliche Rollen bei der Modulation der Oberflächentemperatur der Erde, bei der Verwitterung von Gesteinen zu Böden, bei der Stabilisierung des Anteiles atmosphärischen Sauerstoffes über geologische Zeiträume, und ist Vorläufer von Kohle und Erdöl. Organische Verbindungen in marinen Sedimenten und alten Böden archivieren detailliert die Naturgeschichte der Erde, auch in Abwesenheit makroskopischer Fossile. Huminstoffe sind als die entscheidende transiente Speicherform organischer Materie in der Geosphäre eine wesentliche Kreuzungsstelle anthropogener und natürlicher Stoffströme. Die Zusammensetzung von NOM/HS wird durch die gegenwärtig zu beobachtende Zunahme der UV-Strahlung und des atmosphärischen CO2-Gehaltes beeinflusst.
In jüngerer Zeit wird NOM/HS weniger als statischer Pool alter und refraktärer Substanzen angesehen, sondern als ein hoch aktives, dynamisches Zusammenspiel untereinander, mit Spurenelementen und lebenden Organismen über ein breites Kontinuum an Raum- und Zeitskalen wechselwirkender, organischer Moleküle. NOM/HS sind annähernd unbegrenzt verfügbare natürliche Rohstoffe mit einem breiten Anwendungsspektrum in der Landwirtschaft, Umwelttechnik und Medizin.

Besonderheiten der strukturchemischen Analytik an polydispersen Materialien

Für die analytische Chemie repräsentieren sowohl NOM, als auch HS, die strukturchemisch weitestgehend diversifizierte Stoffklasse natürlicher organischer Polymere. Diese sind durch eine umfassende Polydispersität und eine ausgeprägte Irregularität ihrer Strukturen auf molekularer Ebene gekennzeichnet (Abb. 2). Die stochastische Synthese von NOM/HS aus biotischen und abiotischen Vorläufern folgt keinem genetischen Code, sondern den weniger spezifischen Vorgaben der Kinetik und Thermodynamik (Abb. 1).

Abbildung 2: Komplexität der strukturchemischen Charakterisierung organischer Moleküle bezogen auf Polydispersität und molekulare Heterogenität.

Die Komplexität der Strukturanalyse großer Moleküle wird durch Polydispersität und Heterogenität beeinflusst (Abb. 2). Die Strukturen komplexer, aber monodisperser, einheitlicher Moleküle (z. B. Naturstoffe und Biopolymere) sind heute bei Voraussetzung der Verfügbarkeit genügender Mengen an Material und geeigneter Trennverfahren mittels instrumenteller Analytik, vorzugsweise über NMR-Spektroskopie und Massenspektrometrie, gut zugänglich. Durch schwache Wechselwirkungen definierte supramolekulare Strukturen, die häufig aus Aggregaten (modifizierter) Biopolymere zusammengesetzt sind, repräsentieren eine erhöhte strukturchemische Komplexität, da diese eine Beschreibung kovalenter und nichtbindender Wechselwirkungen erfordern. Geopolymere weisen aufgrund der Strukturvielfalt der Vorläufer und Reaktionswege eine besonders ausgeprägte Polydispersität und molekulare Heterogenität auf und repräsentieren somit das anspruchsvollste Niveau der strukturchemischen Charakterisierung.

Die Methodenkombination der Kapillarelektrophorese, Massenspektrometrie und NMR-Spektroskopie zur Untersuchung von NOM/HS

Die enorme Komplexität von NOM bedingt, daß eine aussagekräftige Strukturaufklärung nur durch eine Kombination komplementärer Methoden erreichbar ist. "Harte" Daten, wie die Elementaranalyse, Gesamtacidität und physikalische Parameter scheinen zunächst gut definiert, weisen jedoch nur geringe Aussagekraft hinsichtlich struktureller Details auf. Nach unserer Überzeugung bietet die gemeinsame Analyse durch die drei hochkomplementären Methoden Kapillarelektrophorese (CE, allgemein: Hochleistungs-Kapillartrennverfahren), Massenspektrometrie und NMR-Spektroskopie die besten Voraussetzungen für eine aussagekräftige Strukturanalyse von NOM/HS (Abb. 3).

Abbildung 3: Für die Untersuchung des in der Natur überwiegend mineralisch gebundenen NOM bietet sich eine Methodenkombination aus Hochleistungstrennverfahren (z. B. Kapillarelektrophorese CE), Massenspektrometrie und NMR-Spektroskopie besonders an.

Die Kapillarelektrophorese (CE)

Die große Methodenvielfalt im Reich der Kapillarelektrophorese (CE) ermöglicht die Erfassung und Trennung einer umfassenden chemischen Vielfalt dissoziierbarer und (bei Zusatz von Hilfsstoffen) neutraler Analyten, die von kleinen Ionen (anorganisch und organisch) über Makromoleküle (Biomoleküle, Polymere) bis hin zu Partikeln (Viren, Nanopartikel, Bakterien) reichen. Die hohe Strukturselektivität und die extreme Trennschärfe dieser Technik, haben entscheidend zur Popularität der Kapillarelektrophorese (CE) in den Umwelt- und Biowissenschaften beigetragen. In der Ära der Genomik definierte die CE-Technologie die Leistungsfähigkeit der Nukleinsäure-Sequenzierung (Multiplex-Kapillargelelektrophorese mit laserinduzierter Detektion). In der postgenomischen Ära der Proteomik liefern multidimensionale CE-Techniken (CGE-CIEF, LC-CZE, LC-ACE) insbesondere in Kopplung mit der hochauflösenden Massenspektrometrie extrem informationsreiche virtuelle zweidimensionale Gele (siehe auch Abb. 4), mittels derer sowohl Proteinsequenzen (Top-Down Proteomik), Strukturinformation als auch Affinität von Liganden ermittelt werden können. Die komplexere Analytik modifizierter Proteine sowie die Bestimmung nicht-repetitiver Strukturen z. B. in der Metabolitenanalytik (Metabolomik) wäre ohne (die Kopplung) modernster Kapillar-Trennverfahren (CE, HPLC) und (z. B.) Elektrosprayionisierung-Massenspektrometrie (ESI/MS) undenkbar.
Geringste Substanzmengen an NOM/HS sind mit verschiedenen strukturspezifischen Detektionssystemen, wie laserinduzierter Fluoreszenz, UV/VIS und Massenspektrometrie analysierbar. Die CE-Trennung erfolgt auf der Basis unterschiedlicher substanzspezifischer elektrophoretischer Mobilität in Lösung, welche durch die chemische Struktur der Analyten (intrinsische Faktoren: pKa, Größe, Gestalt, Masse m, Verteilungskoeffizient LogP) und deren Wechselwirkung mit Pufferkomponenten definiert wird. Im Idealfall verläuft die CE orthogonal zu klassischer Chromatographie, und kann für eine umfassende Vielfalt experimenteller Bedingungen (pH, Ionenstärke, Ligandenkonzentration) und Anwendungen (CZE, CGE, CIEF, ACE, CEC) optimiert werden, um Ladungsdichten, Ladungs- und Größenverteilung sowie Geometrie von NOM/HS unter Bedingungen intermolekularer Wechselwirkungen im Zeitverlauf zu erhalten. Auf diese Weise ergänzt CE die aus NMR gewonnene Information über die Primärstruktur von NOM/HS mit Daten über Sekundär- und Tertiärstruktur. Hochleistungstrennverfahren können hoch automatisiert, und die experimentellen Bedingungen innerhalb weiter Grenzen angepasst werden (Temperatur- pH-, und Konzentrationsabhängigkeit der elektrophoretischen Mobilität); darüber hinaus können passive (inerte Moleküle bestimmter Größe und Gestalt) oder reaktive Spezies (Metallionen oder organische Moleküle) zugesetzt werden. Eine hochinformative Visualisierung der gekoppelten Kapillarzonenelektrophorese/ Massenspektrometrie (CZE-ESI/MS) gelingt mittels einer Auftragung der experimentellen Masse (m/z) gegen die strukturabhängige effektive Mobilität der Ionen in Lösung (diese Abhängigkeit folgt z/m). Das Beispiel der CZE-ESI/MS-Trennung einer marinen NOM (Abb. 4) zeigt eine Trennung hoch aliphatischer Fraktionen unterschiedlicher Mobilität (auf grund unterschiedlicher Ladungs/Massenverhältnisse). In einem analogen Experiment wird die ultrahochauflösende Massenspektrometrie, welche die Ermittlung von Summenformeln für Tausende von Einzelverbindungen in extrem komplexen Gemischen erlaubt, in Zukunft eine wesentliche Erweiterung unseres Verständnisses der Strukturchemie von NOM erbringen. Hochleistungstrennverfahren sehen NOM "von außen", und Lösungsverhalten, Ladungsdichten, Größen- und Ladungsverteilung sowie schwache (nicht kovalente) Wechselwirkungen können unter stark variablen experimentellen Bedingungen untersucht werden. Sowohl die elektrophoretische Mobilität (CE), als auch die Retentionszeit in der HPLC von NOM tragen, unabhängig von der Detektionsart, strukturspezifische Information (Größe, pKa, LogP); dies ist eine besonders wesentliche Ergänzung zu mittels NMR- und MS gewonnener strukturchemischer Information.

Abbildung 4: CZE-ESI/MS einer marinen NOM-Probe; projektiertes Elektropherogram des gesamten Ionenstroms (TIC), und m/z-Verteilung der gesamten Probe; Detailaufnahme der Massenverteilung, die auf ausgeprägten aliphatischen Charakter hinweist.

Die Massenspektrometrie

Die Massenspektrometrie ist besonders geeignet, komplexe Gemische zu untersuchen; dabei werden die Summenformeln aller anwesenden Verbindungen bis zu vielen Hundert Dalton bei Abwesenheit repititiver Strukturen und von mehreren Zehntausend bei Anwesenheit repititiver Strukturen (in Biomolekülen, wie Proteinen und Nukleinsäuren) verfügbar (Abb. 5). Fragmentierungsstudien ermöglichen die Unterscheidung isomerer Moleküle und erlauben eine weitgehende Klassifizierung nach Strukturtypen. Die FTICR-Massenspektrometrie erlaubt Gasphasenreaktivitätsstudien von NOM mit verschiedenartigsten Molekülen. Aufgrund der unvergleichlich hohen Peakkapazität (Verhältnis von Messbereich zu Linienbreite) der ultrahochauflösenden Massenspektrometrie verglichen zu allen anderen analytischen Verfahren der Molekülspektroskopie wird die Bedeutung von MS in der Strukturanalyse von NOM zukünftig merklich anwachsen.

Abbildung 5 a


Abbildung 5 b: Ultrahochauflösende (FTICR) Massenspektren liefern derzeit den eindeutigsten experimentellen Nachweis der extremen Komplexität der Zusammensetzung von NOM (Beispielspektrum einer marinen NOM mit Strukturvorschlägen ohne Berücksichtigung der exakten Isomerie - (A)). Ein jeder der Tausende von Punkten in einem van-Krevelen Diagramm hochwertiger Massenspektren von NOM (z. B. a-g) indiziert zwei Element-Verhältnisse (meist H/C versus O/C) für eine gegebene Molekülformel (B); diese weisen zusätzlich eine Massenverteilung auf (hier: a1-a9). Jeder dieser Punkte besetzt spezifische Plätze in einer n-dimensionalen Kendrick-Massendefektanalyse, die es erlaubt, Verbindungsklassen zu definieren. Jeder dieser Plätze steht wiederum für eine extreme Vielzahl an isomeren und sogar isotopomeren Verbindungen (Verbindungen mit letztlich biogenem Ursprung, die von unterschiedlichen Enzymen synthetisiert, eine spezifische Isotopenzusammensetzung aufweisen, die zum Herkunftsnachweis dienen kann). Die Anzahl der Isomere steigt dramatisch mit der Molekülgröße an!

Die NMR-Spektroskopie

Die NMR-Spektroskopie blickt aus dem Atomkern zu den Bindungselektronen und daher repräsentieren im NMR-Universum einige chemische Bindungen bereits erkleckliche Abstände. Innerhalb dieses Bereiches jedoch liefert die NMR-Spektroskopie eine unerreicht detaillierte und präzise Information über die kurzreichweitige Ordnung der chemischen Bindung (Anordnung der chemischen Bindungen einschließlich Stereochemie) und Moleküldynamik (z. B. liefert Aussagen über die Reaktivität).
Angesichts dieser experimentell nunmehr eindeutig nachgewiesenen Komplexität von NOM/HS ist es offensichtlich, daß für NOM/HS infolge von extremer Signalüberlappung in allen Trennverfahren (Chromatographie / Elektrophorese) und in jeglicher spektroskopischer Methode nur niedrig aufgelöste Signaturen erhalten werden. Dies wird insbesondere für die NMR-Spektroskopie erwartet, wo jeglicher (NMR-aktive) Atomkern eine Resonanz mit spezifischer chemischer Verschiebung verursacht (die klassischen NMR-Parameter chemische Verschiebung, Kopplungskonstante, Amplitude und Linienbreite der NMR-Signale von NOM/HS sind durch Verteilungsfunktionen repräsentiert und reagieren unterschiedlich auf die Variation von chemischer Zusammensetzung und Aggregatgröße, Geometrie und Ladung). Dagegen liefern in Massenspektren (ohne Fragmentierung) sämtliche isomeren Verbindungen nur ein einziges Signal. Deshalb sind NMR-Spektren von NOM/HS durch umfassende Überlappung von Einzelresonanzen charakterisiert und zeigen deshalb über den gesamten Verschiebungsbereich eine eher niedrige Auflösung. Andererseits liefern die NMR-Resonanzen der "kleinen" Kerne 1H, 13C, 15N, 31P eine unerreicht präzise Information über die molekulare Nahordnung und definieren auf diese Weise die Gerüststruktur von NOM. Die chemische Verschiebung einer NMR-Resonanz indiziert die chemische Umgebung eines Kernens bis zu fünf Bindungen weit in jegliche Richtung und erfasst darüber hinausgehend auch räumliche Wechselwirkungen und Dynamik. Damit erbringt das eindimensionale, quantitative NMR-Spektrum die instruktivste Information über die Quantität und strukturelle Details von NOM-Grundstrukturen. Die differentielle Relaxation von NOM/HS-Partialstrukturen erfordert dabei besondere Sorgfalt bei der Auswahl von Aquisitionsparametern quantitativer eindimensionaler NMR-Spektren. Zudem können die experimentell beobachteten chemischen Verschiebungen durch indirekte Effekte (chemischen Austausch, Koordination, Assoziation, Ladung und Wasserstoffbrückenbindung) beeinflusst werden.
Diese Information wird ergänzt durch eine große Anzahl spezialisierter NMR-Experimente, wie der spektralen Editierung sowie der zwei- und höher-dimensionalen NMR-Spektroskopie. Empfindlichkeit und Auflösung in homo- und heteronuklearen zweidimensionalen NMR-Spektren von NOM/HS werden durch Konzentration, Lösungsmittel und Temperatur beeinflusst. Die Kreuzsignale der 2D-NMR-Spektren liefern Konnektivitätsinformation, die je nach Experiment räumliche Nähe, chemischen Austausch oder Kopplungen über chemische Bindungen anzeigt. Eine aussagekräftige NMR-Analyse von NOM/HS bedarf der gemeinsamen Auswertung mehrerer verschiedener ein- und zweidimensionaler NMR-Spektren; diese erhöht die Zuverlässigkeit der NMR-Signalzuordnungen und erlaubt die Ermittlung auch von größeren Teilstrukturen von NOM/HS.
Die NMR-Spektroskopie kombiniert eine isotopenspezifische Definition chemischer Umgebungen mit einer zuverlässigen Quantifizierung und ist daher (bis heute) die bedeutsamste Methode der strukturchemischen Charakterisierung von NOM/HS. Dies klingt angesichts der großen Anzahl an in NOM wirkenden NMR-Relaxationsmechanismen und der Einwirkung indirekter Effekte, die einfache Zusammenhänge zwischen Signalposition und chemischer Umgebung verwischen können, zunächst eher erstaunlich.
Jedoch sind in sämtlichen anderen Methode der organischen instrumentellen Analytik (z. B. EXAFS, XPS, UV/VIS, IR, Massenspektrometrie) die Transferfunktionen zwischen physikalischer Ursache und dem im Instrument gemessenem Signal noch deutlich weniger verstanden. Dies wird beispielhaft verdeutlicht angesichts einer extremen Abhängigkeit des Erscheinungsbildes von Massenspektren von Gemischen von den jeweiligen experimentellen Bedingungen. Gegenwärtig werden die zuverlässigsten Ergebnisse in stark miniaturisierten Nano-Spray-Anordnungen unter möglichst präziser Kontrolle von Fluß- und Spraybedingungen erzielt, jedoch besteht weiterhin ein starker Forschungsbedarf für die quantitative Massenspektrometrie von Gemischen.

Abbildung 6: 1H NMR-Spektrum (Hochfeldausschnitt) einer marinen NOM-Probe mit funktionalisierten Aliphaten (grün: Ketone und cyclische Aliphaten; rot: Methylgruppen); Ausschnittvergrößerung im Bereich der Ketone.

Infolge der spezifischen Charakteristika von NOM/HS als einer extrem komplexen Mischung von kleinen und großen Molekülen mit einem Kontinuum von schwachen und starken Wechselwirkungen, erfordert jegliche Interpretation von Analysedaten ein vertieftes Verständnis der methodenspezifischen physikalischen und chemischen Vorgänge.
Die Quantifizierung bleibt bis heute ein entscheidendes Forschungsthema in der Analyse von NOM/HS auf allen hierarchischen Ebenen (Elemente, Fragmente, Moleküle). Ein Quasikontinuum differentieller Antworten determiniert die Transferfunktionen von der molekularen Interaktion zum detektierten Signal; diese sind komplex, nicht linear und fast immer unbekannt. Daher bedürfen auch etablierte Verfahren der analytischen Chemie einer sorgfältigen Anpassung, wenn diese für eine Analyse von NOM/HS herangezogen werden. Verzerrungen durch falsche oder überinterpretierte Daten können durch gegenseitige Kalibrierung komplementärer Analysenmethoden korrigiert werden.
Während die moderne analytische Chemie die Trennung auch annähernd identischer, sehr großer Moleküle beherrscht, bleibt die Charakterisierung nicht trennbarer Gemische hinsichtlich praktischer Methoden und sogar Konzepte bis heute stark vernachlässigt. Damit verfolgt eine strukturchemische Analyse von NOM/HS verschiedene wichtige Ziele:

    1) Eine präzise strukturchemische Beschreibung von NOM/HS mit molekularer Auflösung ist eine unverzichtbare Grundvoraussetzung eines vertieften Verständnisses der ökologischen Wirkungen und der Mechanismen der Wechselwirkung von NOM/HS mit anorganischen Mineralien, organischen und anorganischen Verbindungen, pflanzlichen und tierischen Zellen sowie mit Mikroorganismen in der Öko- und Geosphäre.

    2) Die gemeinsame mathematische Analyse der durch die instrumentelle Analytik gewonnenen komplementären Daten liefert eindeutige Kriterien der Beschreibung von Ähnlichkeiten und Unterschieden und ermöglicht eine präzise strukturchemische Beschreibung von NOM/HS, die den Informationsgehalt der Einzelauswertungen deutlich überschreitet; dies trägt wesentlich zu einer zuverlässigen Bewertung von Anwendungsbreite und Genauigkeit jeder einzelnen Methode bei.

    3) Eine hierarchische Abfolge von sorgfältig getesteten Analysenmethoden und Auswerteschemata wird wertvolle Beiträge zur strukturchemischen Analytik nicht trennbarer Gemische liefern.

Eine verallgemeinerungsfähige Methodenkombination

Die an der schwierigen Matrix NOM/HS gewonnenen Kenntnisse über die Kombination analytischer Methoden und die Erstellung von Struktur/Wirkungsbeziehungen können i. a. sehr nutzbringend auf andere komplexe Systeme übertragen werden (Metaboliten-Fingerabdruck, Metaboliten-Profile, Metabolomik). Dies gilt für alle in den Lebenswissenschaften und in der Natur vorkommenden Systeme, deren Eigenschaften und Funktionen auf einem Zusammenwirken kovalenter und nicht-bindender Wechselwirkungen beruhen. Die zukünftige strukturchemische Charakterisierung von NOM/HS wird von den dramatischen Fortschritten in Empfindlichkeit und Auflösung bei der NMR-Spektroskopie (Cryo-Probenköpfe, Hochfeldmagnete) und der Massenspektrometrie (Bestimmung von Summenformeln durch FT-Ion-Cyclotron-Resonanz-Spektroskopie) besonders profitieren, welche die Definition immer größerer Struktureinheiten und die Stereochemie ihrer Verknüpfungen erlauben wird. Die Miniaturisierung der Trenntechniken und ihre Kopplung mit ultrahochauflösender Massenspektrometrie, um mit erhöhter Empfindlichkeit und Auflösung NOM-Proben ohne weitere Aufkonzentrierung messen zu können, und andererseits die Fähigkeit, NOM/HS im präparativen Maßstab mittels z.B. Free-Flow-Elektrophorese zu fraktionieren, um genügend Material für spektroskopische und Bindungsstudien zu gewinnen, werden als wichtige Tools der strukturchemischen NOM-Forschung an Bedeutung zunehmen. Sanfte Extraktionsmethoden werden weiterentwickelt (z.B. Gefriertrocknung, Umkehrosmose, C18- Festphasenextraktion), um repräsentative Proben der jeweiligen ökologischen Standorte analytisch weiter untersuchen zu können. Zusammen mit der (positionsspezifischen) Stabilisotopanalyse von Substanzgruppen und Einzelverbindungen wird diese Information das Verständnis von Herkunft, Reaktivität und Wechselwirkungen von NOM/HS mit der belebten und unbelebten Natur mit molekularer Präzision und Auflösung ermöglichen und auf diese Weise entscheidend zu wesentlich vertieften Einsichten über die Mechanismen am unteren Ende der Nahrungskette beitragen, die für das (Über)leben der höheren Lebensformen auf der Erde entscheidend sind.


Kontakt:
  • Dr. N. Hertkorn
    Priv. Doz. Dr. Ph. Schmitt-Kopplin
    GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit
    Institut für Ökologische Chemie
    AG Molekulare BíoGeoanalytik
    Ingolstädter Landstraße 1
    85764 Neuherberg
    Tel.: +49 (0)89 3187-2834/4248 (NH) / 3246 (PS)
    Fax: +49 (0)89 3187-2705 (NH) / 3358 (PS)
    E-Mail: Hertkorn@gsf.de
    oder Schmitt-Kopplin@gsf.de
    Prof. Dr. Dr. hc. A. Kettrup
    Technische Universität München
    Lehrstuhl für Ökologische Chemie und Umweltanalytik
    Weihenstephaner Steig 23
    85350 Freising-Weihenstephan
    Tel./Fax: +49 (0)8161 713490/713581
    E-Mail: Kettrup@wzw.tum.de
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